Pleasure-Maxxing

Neulich habe ich einen absolut empfehlenswerten Film geschaut. «The Invite» erzählt die Geschichte eines Paares, das im Alltag und einigen destruktiven Mustern feststeckt und vom benachbarten Paar eine einschlägige Einladung zu einem heiss-romantischen Intermezzo erhält. Eine Szene hat mich bei diesem aussergewöhnlichen Kinoerlebnis besonders berührt:
Im Film tritt zutage, dass die von Paarkonflikten und Langeweile gezeichnete Rolle von Olivia Wilde immer mal wieder nackt am Fenster vorbeispaziert, wohl wissend, dass die Nachbarn, wenn sie das wollen, gut zu ihr herüberspähen können. Seth Rogen, in der Rolle des empörten Ehemannes, reagiert auf diese Enthüllung entrüstet und vorwurfsvoll und wird dabei von Penélope Cruz, welche die benachbarte Sexologin spielt, brüsk zurechtgewiesen. Sie verteidigt ihre Nachbarin mit dem Einwand, dass es viel Mut brauche, mit seiner eigenen lustvollen und sexuell verbundenen Persona in Kontakt zu treten oder zu bleiben.

Was für eine feine, treffende Beobachtung! Mir hat sich sofort die Frage gestellt, wie man das wohl am besten macht: im Alltag mit seinem lustvollen, sexuellen Selbst in Kontakt zu bleiben – und ob man das auch ganz unabhängig davon kultivieren kann, was in der intimen Beziehung passiert.

Dabei bin ich auf die Idee des Pleasure-Maxxing gestossen.

Während meinen sexualpädagogischen Einsätzen erzählen mir Schüler in letzter Zeit oft von den fantasievollsten und manchmal absurdesten Möglichkeiten, ihr Testosteron zu maximieren, um möglichst attraktiv und männlich rüberzukommen. Im jugendlichen Fachjargon wird dabei von Testo-Maxxing oder kurz T-Maxxing gesprochen. Vom Konsumieren von püriertem Stierhoden bis zum Einverleiben unterschiedlichster Supplements ist da alles mit dabei.

Während ich diese Ansätze stets mit einem Augenzwinkern beobachte, haben sie im Kern etwas Inspirierendes für mich: Beim klassischen Maxxing wird ein Ziel optimiert. Ich frage mich: Was passiert, wenn das Ziel nicht Attraktivität, Muskeln, Testosteron oder Leistungsfähigkeit ist, sondern Genuss?

Wenn mir ein lustvolles Sein in der Welt wichtig ist, kann ich aufhören zu warten, dass es mich zufällig aus dem Nichts anspringt. Ich kann Genuss stattdessen ganz bewusst ansteuern und ihn mit den unterschiedlichsten Mitteln verfolgen. Hier gilt quasi: viel hilft viel.

In der Auseinandersetzung damit, wie ich mit meinem lustvollen Selbst in Kontakt treten kann, lohnt es sich, mich zu fragen, wie ich Genuss in meinem Alltag generell bewusst leben kann. Pleasure-Maxxing eben.

Während mir persönlich meine eigene To-do-Liste im Alltag wohl bewusst ist, habe ich oft nicht gleich im Blick, wie ich mir selbst Freude im Alltag bereiten kann. Natürlich würde ich oft gerne den Koffer packen, in den Flieger sitzen und mich aus dem Alltag wegbeamen auf ein Segelboot in eine ruhige Bucht, in der das Wasser türkis und golden in der Sonne glitzert. Apérol Spritz in der Hand inklusive. Aber natürlich erlaubt dies die Realität nicht so oft wie ich mir das wünschen würde.

Ich habe jedoch festgestellt, dass es oft gar nicht so viel braucht, um mich mit meinem genussvollen Selbst zu verbinden. Mit Marktblumen in der Vase die erste Beratungsstunde zu starten, gibt dem Tag einen fröhlichen Drall. In einer Pause im Park zu sitzen und, begleitet von guter Musik, einen Pulli mit einem lebendig matchafarbenen, kuschlig-weichen Garn zu stricken und dabei über die vergangene Sitzung nachzudenken, verändert meine Perspektive und meine Herangehensweise. Und es verbindet mich mit einem Bewusstsein dafür, was mir gefällt und was meine Bedürfnisse stillen könnte.

So trainiere ich meine Aufmerksamkeit dafür, wahrzunehmen: Was tut mir gerade gut? Was zieht mich an? Worauf habe ich Lust?

Auch ausserhalb von Sexualität zu wissen, was mir Freude macht, was mich anregt, was mir guttut und wonach ich mich sehne, bringt eine viel lebendigere Version meiner selbst in die Beziehung. Mein Partner muss nicht mehr die alleinige Quelle meines Genusses sein und ich muss auch nicht darauf warten, dass er oder sie die Lust in mir wachküsst.

Vielleicht ist genau das eine interessante Herausforderung für Paare: Wie lange warten wir eigentlich darauf, dass der andere uns auf genau die richtige Art und Weise wachküsst? Dass er oder sie weiss, was wir brauchen, wann wir es brauchen und – natürlich – auch noch genau die richtige Art und Weise für das Stillen unserer Bedürfnisse findet?

Natürlich kann es wunderschön sein, von einem anderen Menschen in die eigene Lust hineingeküsst zu werden. Aber vielleicht muss die eigene Lust nicht immer darauf warten.

So habe ich mir bewusst angewöhnt, beim Füllen meiner Agenda auch stets ein Auge darauf zu haben, wo Pleasure-Maxxing seinen Platz finden könnte, und mir das bewusst schon an den Abenden vor besagten Tagesabschnitten vorzunehmen. Dadurch finden Genuss und der Zugang zu mir selbst zuverlässig ihren Weg in meinen Alltag.

Dabei geht es für mich gerade nicht darum, aus Genuss ein weiteres Optimierungsprojekt zu machen. Pleasure-Maxxing bedeutet nicht, möglichst viel Spass in möglichst wenig Zeit zu quetschen. Es geht vielmehr darum, Genuss überhaupt als etwas wahrzunehmen, das einen Platz in meinem Leben und meinem Terminkalender verdient.

Was könnte passieren, wenn zwei Menschen nicht darauf warten, dass der andere ihnen Lust und Genuss bringt, sondern beide etwas davon mitbringen?

Was gibt dir Genuss im Alltag? Was verbindet dich mit dir selbst, deinen Bedürfnissen und Sehnsüchten?

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