«Stöhnt man extra oder automatisch?» – «Wie viel Pornokonsum ist gesund?»: Was Jugendliche in Sachen Sex bewegt

Die Sexologin Stephanie Dietrich gibt Einblick in die Ängste und Phantasien von Jugendlichen. Und erklärt, warum sich Mädchen weniger mit ihrer Lust beschäftigen als Jungen.

VON LEONIE CHARLOTTE WAGNER

Kann man im Unterricht übers «Vögeln» reden? Über «cumshots»? Darüber, wie oft man Pornos schaut? Man könne und müsse, findet Stephanie Dietrich. Sie ist Sexologin und besucht Schulklassen in der Deutschschweiz. Sie weiss, was Jugendliche in Sachen Sex bewegt. Stephanie Dietrich redet gern über Sex. In der Sekundarschule schrieb sie ihre Bestnote im Sexualkundeunterricht. Sie sagt: «Ich fand das schon damals alles wahnsinnig faszinierend.» Dietrich unterrichtet seit elf Jahren als Sexualpädagogin an der Oberstufe, nebenher führt sie in Zürich eine Praxis als Sexualberaterin. Ihre Schülerinnen und Schüler haben sehr unterschiedliche Erfahrungen in Sachen Aufklärung. Während sich manche Familien entspannt über Sex unterhalten, wird das Thema in anderen totgeschwiegen. «Einige Schüler fürchten sich, ihren Eltern eine Prüfung zum Unterschreiben vorzulegen, auf der eine Vulva abgebildet ist», sagt Stephanie Dietrich. Die Jugendlichen spiegeln ihre Eltern. Dietrich sagt: «Die einen geben sich als Obermacker, bei den anderen herrscht absolute Sprachlosigkeit.» Am Anfang des Unterrichts lässt Dietrich die Jugendlichen anonym Fragen sammeln. Sie sagt: «Alles ist erlaubt.» Was sofort auffällt: Mädchen sind mit Schwangerschaft und Verhütung beschäftigt, Jungen mit Sex, Pornos und Lust. Wie lässt sich das erklären? Was bewegt die Jugendlichen? Neun Schülerfragen zum Thema Sex – und neun Antworten von Stephanie Dietrich.

«Muss ich Sperma schlucken?»

«Das ist meine Lieblingsfrage, die kommt eigentlich immer. Ich frage die Jugendlichen: Habt ihr denn Lust darauf? Dann erzähle ich ihnen von einem festlichen Buffet – ein Bild, das ich gern benutze, um über Sex zu sprechen. Aufdem Buffet stehen viele verschiedene Speisen: Pommes, Nudelsalat, aber auch ein Tintenfischsalat. Vielleicht mag man den. Vielleicht will man ihn auch einfach mal probieren. Andere wiederum wissen: Das werde ich nie essen. Und das ist auch in Ordnung so, denn es ist ein Buffet, und alle können sich nehmen, was sie mögen. Man darf neugierig sein, man darf aber auch ablehnen. Und es ist auch okay, immer Pommes zu holen. Leider gibt es noch immer Vorlieben, die ins Abseits gedrängt werden. Nachwie vor ist es für Jugendliche schwierig, sich in der Volksschule zu outen. Schülerinnen und Schüler, die das gleiche Geschlecht lieben, müssen befürchten, auf Unverständnis zu stossen oder gar gemobbt zu werden. Das äussert sich auch in der Sprache. Viele Jugendliche benutzen das Wort ‹schwul› noch immer als Abwertung. Auch deshalb weise ich immer wieder auf die Wichtigkeit von sorgsamer, inklusiver Sprache hin. Ich möchte den Jugendlichen helfen, ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen wahrzunehmen, damit sie diese aussprechen können.»

«Kann man durch einen Blowjob schwanger werden?»

«Diese Frage zeigt: Mädchen und Jungen stellen völlig verschiedene Fragen. Und diese stammt ganz sicher von einem Mädchen. Die Fragen der Mädchen drehen sich schon sehr früh um Fruchtbarkeitsthemen und Verhütung. Lust und Sex hingegen stehen im Hintergrund. Für viele meiner Schülerinnen ist die Menstruation ein riesiges Thema. Das Einsetzen der Menstruation ist einerseits mit Stolz, andererseits mit viel Nervosität verbunden. Mit der Angst, dass es irgendwo einen Fleck geben könnte. Ich habe Schülerinnen, die mir erzählen, dass sie keine Tampons benutzen dürften oder wollten, weil so ihr Hymen – mir ist der Fachbegriff lieber als das umgangssprachliche ‹Jungfernhäutchen› – perforiert werden könnte. Jungfräulichkeit ist auch heute für viele Jugendliche noch extrem wichtig. Gerade für Jugendliche mit stark religiös geprägtem Hintergrund.
Die Mädchen fragen sich auch, wie der erste Besuch beim Frauenarzt abläuft. Müssen sie wirklich auf diesen Stuhl klettern und der Gynäkologin ihren Intimbereich ins Gesicht strecken? Sie wissen: Das kommt auf mich zu, und die Vorstellung, wie das konkret ablaufen wird, ist ihnen unangenehm. Jungen hingegen hören das Wort Urologe vermutlich zum ersten Mal bei mir im Unterricht. Die unterschiedlichen Interessen von Jungen und Mädchen hängen mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammen. Daraus darf man aber nicht schliessen, dass Mädchen nichts über Lust beim Sex erfahren wollen. Vielmehr stellen sie diese Fragen weniger, weil es vielerorts noch ungern gesehen wird, dass sich Mädchen mit ihrer Lust beschäftigen. Die Rolle, die grosse Teile unserer Gesellschaft für Frauen bereithalten, basiert noch immer auf dem Motto: Heilige oder Hure. Ein Rollenstereotyp für eine Frau, die Lust ganz selbstverständlich in ihr Leben eingliedert, gibt es eigentlich nicht. Ein Mädchen, das mit verschiedenen Jungs schläft, wird immer noch schnell als Schlampe abgestempelt. Ein Junge ist zwar berüchtigt, wenn er schon viele Erfahrungen gemacht hat, aber er kann sich damit in der sozialen Hierarchie auch profilieren. Das ist für Mädchen nicht möglich. Ich bin aber gegen eine Katastrophisierung. Wenn wir Sexualität als eine Sammlung von Kompetenzen sehen, die ein Leben lang erlernt werden, dann ist es völlig okay, wenn die Fragen der Jugendlichen erst eine einseitige oder stereotype Auseinandersetzung widerspiegeln. Sie haben ja noch Zeit, ihr Bild über die Jahre zu vervollständigen.»

«Was ist eine gute Sexstellung?»

Hier gehe ich auf den Orgasm-Gap ein: Drei Viertel der Frauen kommen nicht allein durch Penetration. Was heisst das? Und was braucht es, damit Frauen ähnlich befriedigt werden wie Männer? Das lasse ich die Jugendlichen diskutieren. In dem 2019 herausgegebenen ‹Natur und Technik›-Lehrbuch wurde die Klitoris als erbsengrosses Irgendetwas dargestellt – ohne jegliche Erläuterung zu ihrer Rolle als Lustorgan. Das hilft natürlich nicht. Für Jungen steht oft im Zentrum, welche Sexstellung man wählen muss, damit man möglichst lange durchhält und das Gegenüber zum Kommen bringen kann. Da weise ich darauf hin, dass das ‹lange Durchhalten› für junge Männer oft schwierig ist, aber mit Achtsamkeit dem eigenen Körper gegenüber gesteuert werden kann. Ziel dabei ist nicht, den Leistungsdruck der Jungen noch zuverstärken. Ich weise darauf hin, dass man Sex nicht einfach ‹kann› oder ‹nicht kann›, sondern auch lernen darf. Meine Aufgabe als Lehrperson ist es nicht, den Jugendlichen eine Liste mit den besten Sexstellungen zu geben. Ich möchte sie dazu anregen, sich selbst und ihrem Gegenüber mit Neugierde zu begegnen und eigene Antworten zu finden. Grundsätzlich geht es darum, zu vermitteln, dass niemand ein sexuelles Pflichtprogramm abspulen muss – sondern dass jede und jeder achtsam mit dem eigenen Körper umgeht und so herausfindet, was einem selbst und dem Gegenüber Lust bereitet.»

«Kann man eine Frau ins Ohr vögeln?»

«Wenn die Fragen geschmacklos werden, antworte ich schon einmal pointiert. Eine Frau ist nicht einfach eine Ansammlung von Löchern. Aber ich muss geduldig bleiben, auch wenn diese Frage in meinen Augen frauenfeindlich ist. Dann überlege ich mir: Kläre ich das vor der ganzen Klasse? Oder im Zweiergespräch? Viele Jugendliche sind sehr nervös und unbeholfen. Das äussert sich häufig in einer provozierenden Sprache. Doch sich im Sexualpädagogik-Unterricht provozieren zu lassen, bringt überhaupt nichts. Wenn die Schüler noch nicht wissen, wie man angemessen über Sexualität spricht, muss ich es ihnen beibringen. Für viele Jungen sind diese Fragen auch eine Art Mutprobe: Wie stark können sie mich als Lehrperson provozieren? Wenn sie sich trauen, die krassesten Fragen zu stellen, können sie ihr soziales Standing beeinflussen. Deswegen versuchen sie, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Die Mädchen hingegen trauen sich höchstens zu fragen, was eine gute Sexstellung ist. Diese unterschiedlichen Perspektiven müssen im Unterricht irgendwie zu einem konstruktiven Miteinander finden. Das ist manchmal anspruchsvoll zu begleiten. Umso wichtiger, solche Fragen mit den Jugendlichen zu diskutieren.»

«Wie kann man transgender sein?»

«Die Jugendlichen kommen aus sehr diversen sozioökonomischen Verhältnissen. Die einen sind schon relativ früh sexuell aktiv, die anderen können sich kaum eine gezeichnete Vulva im Handout ansehen. Ich unterrichte sehr viele konservative Jugendliche, die sich mit dem kulturellen Diskurs über Gender-Fragen überhaupt nicht identifizieren können. Vereinzelt aber auch solche, die mit ihrer eigenen sexuellen Identität im Clinch sind. Transidentität, Intergeschlechtlichkeit oder auch unterschiedliche sexuelle Orientierungen bespreche ich im Unterricht als Phänomene gesellschaftlicher Vielfalt. Ob ein Mensch trans ist oder nicht, hat damit zu tun, wie er sein eigenes Geschlecht empfindet – nämlich nicht als passend zu dem Geschlecht, das ihm bei der Geburt zugewiesen wurde. Bei Fragen zu sexueller Vielfalt arbeite ich gern mit Erfahrungsberichten auf Youtube, in denen betroffene Menschen ihre Geschichte erzählen. Dann merken die Jugendlichen schnell: Wir alle sind Menschen mit realen Sorgen, Bedürfnissen, Vorlieben. Das hilft, Vorurteile der Jugendlichen abzubauen und die Akzeptanz zu fördern.»

«Wieso schauen Leute Pornos?»

«Die James-Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften zeigt: Unter den 12- bis 19-Jährigen haben ein Drittel der Mädchen und fast drei Viertel der Jungen in der Schweiz Pornos gesehen. Warum schauen Mädchen weniger Pornos als Jungen? Beide Geschlechter lernen Genitalität auf unterschiedliche Weise kennen. Jungen halten irgendwann ihren erigierten Penis in der Hand – Frauen wachen aufgrund der Menstruation mit Schmerzen im Unterleib auf. Es braucht Hunderte von Berührungen, damit eine innere Landkarte für erregende Berührungen entsteht. Das scheint für viele Frauen nicht so einfach zu sein. Die wenigsten berichten, dass sie während der Selbstbefriedigung ihre Vagina miteinbeziehen. Die meisten kommen über die Klitoris zum Orgasmus. Pornos, in denen die weibliche Lust berücksichtigt wird, wo die Klitoris beispielsweise selbstverständlich mit einbezogen wird, sind nicht zwingend die Pornos, an die Jugendliche heran geraten. Viele Jugendliche schauen Pornos, die im Netz frei zugänglich sind. Und diese Filme bedienen meist den ‹male gaze›: sexuelle Praktiken, die für Frauen manchmal mehr, manchmal weniger genüsslich sind – und die im obligaten ‹cumshot›, also dem Samenerguss des Mannes, enden, nicht mit einem Orgasmus der Protagonistin. Die Jungen haben aber natürlich auch Fragen und Sorgen in Bezug auf Pornos: Wie gross muss der Penis sein, damit er genügt? Wie lange muss man durchhalten können? Und was ist, wenn ihr Gegenüber nicht so laut stöhnt, wie das in Pornos gezeigt wird? Haben sie dann versagt?»

«Darf ich Pornos schauen?»

«Jugendliche werden via Smartphone sehr früh mit pornografischen Inhalten konfrontiert: Laut der James-Studie sind es bei den 12- bis 13-Jährigen bereits rund 20 Prozent. Wenn sie mit diesem Thema allein bleiben, kommt es oft zu Schuld- und Schamgefühlen. Die Jugendlichen denken dann, dass sie das gar nicht hätten sehen dürfen, und schämen sich. Viele verwirrende Gefühle also. Eine Frage, die ich mit Jugendlichen diskutiere, ist auch: Wie und wie oft schaue ich eigentlich Pornos? Schaue ich sie täglich mehrmals? Ist es ein Abreagieren, leicht verschämt, mit einer Körperhaltung, die eine sehr hohe Anspannung zeigt? Oder ist mein Konsum ein körperlicher Genussmoment?»

«Wie viel Pornokonsumist gesund?»

Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Hier geht es darum: Wie viel konsumiere ich? Und will ich das? Gibt es die Möglichkeit, dass mir das entgleitet? Dass ich meinen Tagesablauf nicht mehr einhalten kann, weil ich in der Schule aufs WC gehen muss, um mir einen runterzuholen? Pornosucht fängt dann an, wenn ich darunter leide. Wenn mein Alltag von Pornos dominiert wird. Wir wissen: Ein Drittel der Männer ist mit ihrem Pornokonsum nicht glücklich. Ich glaube, das Bedürfnis nach Sexualität kann nicht auf die Seite gedrückt werden. Dann wird es sich nur noch lauter melden. Und dann entgleitet es meist noch mehr. Wir alle haben Bedürfnisse. Die Frage ist: Wie kann ich dem gerecht werden, so dass es sich gut anfühlt und ethisch für mich stimmt?»

«Kann ich ein Huhn schwängern?»

«Die Frage, ob man ein Tier schwängern kann, kommt immer. Einerseits geht es darum, eine krasse Frage zu stellen. Andererseits steckt hinter jeder Frage ein ernsthaftes Interesse. Also antworte ich: Es kommt dabei kein lebensfähiges Lebewesen heraus. Und vor allem: Es ist strafbar. Hier geht es um Grenzverletzungen. Das ist ein grosses Thema im Unterricht. Da wird einerseits über sehr offensichtliche Grenzüberschreitungen gesprochen, wie in der erwähnten Frage, aber es ist auch wichtig, über sexuelle Grenzverletzungen in Beziehungen zu sprechen. Viele Jugendliche wissen nicht, dass ein grosser Teil der sexuellen Gewalt in Beziehungen stattfindet. Darüber müssen wir reden. Etwa über das ungefragte Verschicken von einem Dick-Pic, also einem Foto von einem Penis. Warum ist das nicht okay? Wie reagiere ich darauf? Oder die Frage, wie man damit umgeht, wenn sich der Partner mehr oder weniger Sex wünscht? Was mache ich dann, spüre ich dann immer noch mein Ja und mein Nein? Bis heute ist es nicht selbstverständlich, offen über Sex zu sprechen.
Schon gar nicht in der Schule. In der Schweiz ist der Sexualkundeunterricht erst seit den 1980er Jahren fester Bestandteil des Lehrplans – eine Reaktion auf die Aids-Epidemie. Dass es heute nicht mehr nur um Verhütung und Geschlechtskrankheiten, sondern auch um Lust und Konsens geht, ist eine neue Entwicklung.»

Wenn man Stephanie Dietrich zuhört, drängt sich der Gedanke auf, dass all die Präventionsmassnahmen, die vor sexueller Gewaltschützen sollen, eigentlich hier anfangen müssten: bei der Aufklärung. Bei den Jugendlichen, die dabei sind, ihre Sexualität zu entdecken. Denn wenn Jugendliche merken, dass ihr Gegenüber sie ernst nimmt und ihre Grenzen respektiert, dann kommen Fragen über Fragen. Und man kann das ganze Buffet sexueller Phantasien und Ängste gemeinsam anschauen. Denn manchmal hat man Lust, Neues zu probieren. Manchmal will man einfach nur Pommes. Und manchmal bleibt der Appetit ganz aus.

https://www.nzz.ch/gesellschaft/sexualkunde-was-jugendliche-wirklich-ueber-sex-wissen-wollen-ld.1910455

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Kinderwunsch und Sexualität