Kinderwunsch und Sexualität

Teil 2: Wie Paare den Druck aus dem Schlafzimmer nehmen können

Von Vorfreude zu Ernüchterung: Wenn der Kinderwunsch zur Belastung wird

Die Kinderwunschphase beginnt oft mit Romantik und Vorfreude. Vielleicht kauft man im Überschwang der ersten Euphorie schon Babykleider, stellt sich das glückliche Nach-Hause-Bringen des Neugeborenen vor oder träumt vom In-den-Schlaf-Wiegen des frischen Familienzuwachses. Wenn dann im Umfeld die Bäuche wachsen und Geburtsanzeigen von befreundeten Paaren ins Haus flattern, die weit weniger lang auf Kinderwunschreise waren, kann der Elan schwinden. Monat für Monat bleibt der zweite Strich auf dem Schwangerschaftstest aus… und das grosse Abenteuer «Wunschkind» und die zugehörige Paarsexualität fühlt sich plötzlich nüchtern und technisch an.

Geplanter Zeugungssex und schwindende Lust

Wo früher Leidenschaft, Spontaneität und Verbundenheit das Geschehen im Schlafzimmer prägten, dominiert nun geplanter Zeugungssex nach Basaltemperatur und Ovulationstest. Nicht gerade erotisch. Es überrascht daher nicht, dass Paare schon nach weniger als einem Jahr spüren können, wie sehr der Druck ihre Sexualität belastet. Viele Frauen berichten, dass ihre Lust abnimmt und Kinderwunsch und erfülltes Liebesleben schwer vereinbar wirken. Wenn man bedenkt, dass der Orgasmus oder auch die Lubrikation – also das Feuchtwerden während dem Sex – in der Kinderwunschphase oftmals ausbleibt und letzteres nicht selten zu Schmerzen beim Sex führen kann, ist ein solches Empfinden auch verständlich.

Kinderwunsch aus männlicher Perspektive: Leistungsdruck und Erektionsprobleme

Auch Männer erleben Veränderungen in ihrer Sexualität. Studien zeigen, dass ihre sexuelle Zufriedenheit während längerer Zeugungsversuche signifikant sinkt. Der Gedanke, dass Sex im fruchtbaren Fenster „funktionieren“ muss, setzt sie unter Druck. Anders als Frauen können Männer Unlust nicht einfach übergehen: Ohne Erektion findet kein Geschlechtsverkehr statt. Nicht wenige kämpfen deshalb gerade in dieser Phase mit wiederkehrenden Erektionsstörungen.

Wenn Nähe auf der Strecke bleibt

So passiert es, dass Paare sich während des Zyklus vor allem auf den Pflichtsex zur Empfängnis konzentrieren und im Rest des Monats kaum noch körperliche Nähe zulassen. Bleibt der Erfolg aus, kann grosse Frustration entstehen. Die existenziellen Gefühle rund um den unerfüllten Kinderwunsch und die Angst, dass es vielleicht nie klappt, mischen sich mit Enttäuschung über die eigenen Körper und das gemeinsame Liebesleben. Fehlgeburten oder aufwendige Behandlungen mit erheblichen emotionalen und finanziellen Kosten können das Gefühl verstärken, „versagt“ zu haben. Solche Gedanken werden leicht auf die Beziehung, den Partner oder die gemeinsame Sexualität projiziert und erhöhen den Druck weiter.

Reden über Sexualität: Nähe schaffen statt Schuld verteilen

Als Sexologin ist es mir wichtig, betroffene Paare zu entlasten. Dass sich im Laufe einer längeren Kinderwunschzeit vorübergehend sexuelle Funktionsstörungen zeigen oder bestehende sexuelle Herausforderungen noch akzentuieren, ist normal. Probleme in der Sexualität sind in der Regel kein Hinweis darauf, dass die Partnerschaft oder die bisher erfüllt erlebte Sexualität «falsch» war. Während offenen Gesprächen über das gemeinsame Liebesleben kann Nähe geschaffen und Verständnis für das Gegenüber gefördert werden. Somit können Lösungsansätze entstehen, welche die Paarsexualität weit über die schwierig erlebte Kinderwunschzeit bereichern und stärken.

Natürlich kann es sich verletzlich anfühlen, über die schönen sowie belastenden Aspekte des gemeinsamen Sexlebens zu sprechen. Werden solche Unterhaltungen in einer ruhigen Minute geführt, können sie jedoch sehr entlastend wirken. Folgende Fragen können helfen, diesen Gesprächen eine Struktur zu geben und sie konstruktiv zu gestalten:

  • Wie erleben wir unsere körperliche Nähe aktuell? Was haben wir punkto Paarsexualität in der Kinderwunschreise bis anhin gut gemacht? In welchen Aspekten der körperlichen Nähe sind wir entsprechend stolz auf uns? Welche Teile der körperlichen Intimität können wir geniessen? Welche Aspekte der Sexualität gestalten sich aktuell schwierig? Sprecht in Ich-Botschaften, um Vorwürfe zu vermeiden.

  • Gibt es Berührungen oder Zärtlichkeiten ausserhalb des fruchtbaren Fensters? Wenn nicht: Was könnte uns helfen, uns auch dann zu begegnen? Vielleicht den Fokus weniger auf Penetration und Orgasmus legen, sondern einander achtsam und ohne Ziel berühren. Nackt einschlafen oder bewusst kuscheln, kann Nähe schaffen. Solche Momente müssen nicht in einer Ejakulation enden, sondern dürfen Experimente und spielerische Erkundungen möglich machen – ganz im Sinne von Sensate-Focus-Übungen, die in der Sexualtherapie genutzt werden, um Druck aus allfällig belasteter Sexualität nehmen zu können.

  • Wie können wir Sex in den fruchtbaren Tagen trotz Herausforderungen positiv erleben? Gleitmittel können Schmerzen durch fehlende Lubrikation verhindern. Manche Paare profitieren davon, sich mit einem Sexspielzeug einzustimmen, bevor es zur Penetration kommt. Auch ein potenzunterstützendes Medikament wie Viagra kann helfen, die Erektion trotz Druck zu sichern. Viele Männer scheuen diesen Schritt, doch solche Präparate sind ein bewährtes Hilfsmittel und inzwischen oft sogar nach einem kurzen Beratungsgespräch in Apotheken unkompliziert erhältlich.

  • Wollen wir anhaltenden sexuellen Funktionsstörungen allenfalls auf andere Weise begegnen? Inwiefern könnten Selbstinseminationen Teil unseres Weges zum Wunschkind sein? (Mit sterilen Plastikspritzen und Empfängnishilfen kann das Sperma während der fruchtbaren Zeit auch ohne Geschlechtsverkehr direkt vor dem Gebärmuttermund platziert werden.)

  • Brauchen wir eine Pause vom Kinderwunsch, um uns als Paar wieder zu finden? Was könnten Vorteile oder Nachteile solcher Pausen sein? Wie lange sollte sie dauern?

  • Wie können wir unsere gemeinsame Paarzeit jenseits der Sexualität lebendig und aufregend gestalten? Welche neuen Aktivitäten wollten wir schon immer zusammen ausprobieren? Was tut uns ganz unabhängig vom Kinderwunsch gut?

Unterstützung von aussen: Wann professionelle Begleitung helfen kann

Gespräche über einen unerfüllten Kinderwunsch zu führen und beide Sichten auf das Thema der gemeinsamen Sexualität zu beleuchten, kann manchmal ganz schön anspruchsvoll sein. So kann es bisweilen helfen, sie durch eine psychologische oder sexologische Fachperson während einer Beratung moderieren zu lassen.

Auch wenn der Weg zum Wunschkind manchmal steinig ist und länger dauert als gedacht, so bedeutet das nicht automatisch, dass die gemeinsame Sexualität nie wieder unbeschwert erlebt werden kann. Achtsamkeit, gegenseitige Offenheit und manchmal unkonventionelle Lösungsansätze können dazu beitragen, dass die Paarbeziehung auch eine schwierig empfundene Kinderwunschreise übersteht und auf dem Weg wichtige Werkzeuge für eine langfristig lebendige und lustvolle Sexualität erlernt werden können.

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